14. Dezember 2007

jW: “Bund und Länder müssen Studienkapazitäten ausbauen”

Filed under: Allgemein — Dano @ 17:54

Bezahlstudium schreckt ab: Die Zahl der Studienanfänger ist nicht so gestiegen wie die der Schulabgänger. Ein Gespräch mit Achim Meyer auf der Heyde

Interview: Ralf Wurzbacher
 
* Achim Meyer auf der Heyde ist General­sekretär des Deutschen Studentenwerks
 

Der vom Statistischen Bundesamt ermittelte leichte Anstieg bei den Studienanfängerzahlen hat bei den politisch Verantwortlichen Selbstzufriedenheit ausgelöst. Welche Reaktion hätten Sie sich gewünscht?

Eine objektive Einschätzung der neuesten Daten ließe noch allerhand Raum zur Selbstkritik. Tatsächlich sind nämlich die Studienanfängerzahlen mit knapp vier Prozent bei weitem nicht so gestiegen wie die der Schulabgänger. Angesichts dessen sollte man überlegen, ob die inzwischen in mehreren Bundesländern erhobenen Studiengebühren nicht doch abschreckend auf Studierwillige wirken. Außerdem sollte die Politik zur Kenntnis nehmen, daß auch die zum Teil flächendeckenden Numeri clausi künstliche Kapazitätsbeschränkungen nach sich gezogen haben. Denn statt an die Hochschulen zieht es immer mehr Abiturienten in die duale Berufsausbildung.Welche Daten liegen Ihnen dazu vor?

Zwischen 2003 und 2006 ist die Zahl der Schulabgänger von jährlich 370000 auf 414000 gestiegen. Vor diesem Hintergrund müßte die Studienanfängerquote heute eigentlich erheblich höher sein. Warum das nicht so ist, zeigt sich auch daran, daß 2006 die Zahl der Hochschulzugangsberechtigten, die eine duale Berufsausbildung begonnen haben, um rund 18000 über dem Niveau von 2002 lag. Das geht freilich auch zu Lasten der Absolventen, die keine Hochschulreife haben.Was lesen Sie aus den neuesten Zahlen hinsichtlich der Wirkung von Studiengebühren heraus?

Es mangelt leider noch an wirklich belastbaren empirischen Untersuchungen. Damit ist frühestens in drei Jahren zu rechnen. Indizien für einen Abschreckungseffekt von Gebühren gibt es aber schon. Neben der gehäuften Entscheidung für alternative Qualifizierungswege fällt auf, daß die größten Zuwächse an Neueinsteigern in Ländern ohne Gebühren verzeichnet wurden. Erhebliche Auswirkungen haben aber auch besagte Zulassungsbeschränkungen. Deshalb unsere Forderung: Um künftig allen Studierwilligen Zugang zu den Hochschulen zu verschaffen, müssen Bund und Länder die Studienkapazitäten noch über die Zielsetzungen des Hochschulpaktes hinausgehend ausbauen.Per Hochschulpakt sollen 90000 zusätzliche Studienplätze bis 2010 entstehen. Zeigt das Programm Wirkung?

Keine Frage: Angesichts der gestiegenen Anfängerzahlen beginnen die Investitionen offenbar zu greifen. Aber natürlich ist das nur ein Anfang. Würde man es bei diesem Tempo belassen, hätte man in drei Jahren gerade einmal die Hälfte der Vorgaben erfüllt.In der allgemeinen Euphorie fast untergegangen ist der absolute Rückgang der Studierendenzahlen um 32000. Läßt sich das allein durch die verkürzte Studiendauer wegen der Umstellung auf Bachelor und Master erklären?

Ich sehe das eher skeptisch. Selbst wenn inzwischen zwei Drittel der Studienplätze umgestellt sind, heißt das nicht, daß überall bereits entsprechende Abschlüsse erzielt worden sind. Aber es ist andererseits sicherlich eine Tatsache, daß höhere Semester heute schneller studieren, um der Belastung durch Studiengebühren zu entgehen.Halten Sie das für eine gute Entwicklung? Schließlich gibt es auch Klagen über Anspruch, Qualität und Arbeitsintensität der Bachelor-Studiengänge.

Man muß die Entwicklung abwarten. In meinen Augen ist der Bachelor ein gutes Instrument, weil sich mit ihm vom Grundsatz her strukturierter und zielgerichteter studieren läßt. Momentan ist allerdings völlig offen, ob diese Erwartungen tatsächlich erfüllt werden. Dazu fehlen uns verläßliche empirische Belege.Was bringen erhöhte Studienanfängerzahlen, wenn hierzulande die Studienabschlußquote bei vergleichsweise mickrigen 21 Prozent eines Altersjahrgangs dümpelt?

Das weist auf entscheidende Defizite hin. Sowohl was die Studienberatung für Schulabsolventen als auch die studienbegleitende fachliche sowie soziale Betreuung betrifft, besteht noch viel Nachholbedarf. Erforderlich sind vor allem auch erhebliche Mehrinvestitionen in Wohnheimplätze und mehr Mittel für Kinderbetreuung.

 

Quelle: http://www.jungewelt.de/2007/12-14/044.php

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