18. Dezember 2007

Elite? Nein, danke!

Filed under: Allgemein — Hannes @ 17:24

Von Irina Repke (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,522732,00.html)

Andernorts frohlocken die Kommilitonen, Berlins Studenten tun sich mit dem Exzellenzstatus schwer: “Elite”, das ist für sie das Campusunwort des Jahres. Politiker in der Hauptstadt basteln indes schon an neuen Vorzeigeprojekten.

Mit einem Sektempfang hatte Helin Uçar, 28, nicht gerechnet, als sie sich an einem Mittwochnachmittag, zwei Wochen nach Wintersemester-Beginn, auf den Weg nach Berlin-Mitte machte – zu ihrem ersten Kolloquium an der “Berlin Graduate School of Social Science” (BGSS), Vorzeigeprojekt der Humboldt-Universität (HU).Wie Helin waren auch die anderen Debütanten überrascht von der Feierlaune – hatten sie doch alle wenig mitbekommen vom Rummel um den Wettbewerbssieg ihrer Graduate School und von dem ausgelobten Preis: eine millionenschwere Förderung aus den Töpfen der bundesweiten Exzellenz-Initiative. (mehr…)

Die Hauptstadt profitiert erheblich von dem Wettbewerb: Neben der zur “Elite-Uni” gekürten Freien Universität (FU) wurden diesmal immerhin vier Berliner Graduiertenschulen und vier fachübergreifende Forschungsvorhaben (“Exzellenzcluster”) zu Siegern erklärt.Vielen aber gilt der “Elite”-Begriff als Campus-Unwort des Jahres. An der siegreichen FU, dem einstigen Revier von Rudi Dutschke und Benno Ohnesorg, stößt die Exzellenz-Initiative auf besonders kämpferisches Misstrauen. Zwar hatte der stolze Universitätspräsident Dieter Lenzen am Tag seines Siegs den Studenten zugerufen: “Unser großer Erfolg ist ein Erfolg auch für Sie.” Konkrete Zusagen für eine Verbesserung der Lehre machte er jedoch nicht. Bei der Immatrikulationsfeier kam es dann zu lärmendem Protest, Lenzens Rede ging in Sprechchören und Getöse unter (mehr…). Auch Polizei und Sicherheitsdienst waren vor Ort.

“Elite-Geschwafel täuscht über reale Probleme hinweg”

So wurde jedem Campus-Neuling schon am ersten Studientag schlagartig klar, wo er sich eingeschrieben hatte: an jener Uni im Westen Berlins, die zwar erfolgreich ihr Schmuddel-Image bekämpft hat, an der aber mehr Kommilitonen als anderswo unter studentischem Rebellionszwang stehen.

“Schließlich leiden fast alle unter miesen Studienbedingungen”, erklärt Helin Uçar. Die Humboldt-Elevin war vier Jahre lang Studentin am Otto-Suhr-Institut der FU. Sie hat die Studienrealitäten nicht vergessen: Zusammenlegung und Schließung von Bibliotheken, Abwickeln ganzer Studienfächer, die Streichung von Professuren, akuter Platzmangel in Vorlesungen und Seminaren.

Die Lehre sei nicht exzellent, erklärt Inga Nüthen vom FU-AStA, es gehe allein um gut vermarktbare Forschungsergebnisse. “Das Elite-Geschwafel täuscht über die realen Probleme hinweg”, schimpft die AStA-Frontfrau, “wir brauchen keine Förderung für einige ausgewählte Projekte, sondern gute Bildung insgesamt”. Beim Besuch der Elite-Auswahl-Kommission organisierten die AStA-Vertreter die Besetzung des Otto-Suhr-Instituts. Auf Spruchbändern hatten sie ihre einfache Botschaft festgehalten: “Verpisst euch!”Im Otto-Suhr-Institut, wo auch der Politologe Christian Haberecht lehrt, teilten sich am Tag der Exzellenz-Entscheidung 39 Studenten die rund 40 Quadratmeter des Seminarraums. Als Haberecht seine Studenten fragte, wer sich über die Auszeichnung gefreut habe, meldeten sich nur zwei. Haberecht selbst hat “prinzipiell nichts dagegen”, dass die FU “eine Millionen-Finanzspritze” bekommt. “Doch dem Uni-Stamm wird das kaum nutzen”, meint er. An der Humboldt-Universität ist die Stimmung ähnlich. Lehramtsstudentin Claudia Schmidt fordert “ordentliche Studienbedingungen für alle”, der verpassten Chance einer Elite-Auszeichnung für die gesamte Hochschule trauert sie nicht nach.

Exzellente Bedingungen für manche Studenten

“Die Exzellenz-Initiative bringt den normalen Studenten erst mal gar nichts”, sagt auch Sören Carlson aus dem Graduierten-Seminar der BGSS, “es geht doch jetzt eher um Forschung und Reputation.”

Von den Studienbedingungen der Gruppe um Helin Uçar können Studenten an den großen drei Berliner Unis nur träumen: Auf zehn Teilnehmer kommen drei wissenschaftliche Betreuer. An Platzmangel oder gar Redezeitbeschränkung ist gar nicht zu denken, der Umgangston schwankt zwischen herzlich und kollegial. Immer mittwochs trifft sich die kleine Mannschaft im geräumigen Seminarzimmer, um über eines der zehn grundverschiedenen Dissertationsthemen zu debattieren.Helin Uçars Vortrag in lupenreinem Englisch verfolgen die Kollegen mit großem Interesse. Die Doktorandin erläutert unaufgeregt Gliederung und Ziele der geplanten Forschungsarbeit über “Frauenrechte in der Türkei” – dem Geburtsland ihrer Eltern. Obwohl ihre neun Mitstreiter Laien auf Helins Spezialgebiet sind, wird sachkundig und lebhaft diskutiert – wie meist in diesen Runden. Alle sind vorbereitet, jeder stellt Fragen, gibt Hinweise – ganz zum Schluss auch die Professoren und Betreuer der kleinen Elite-Truppe, die man sich gut auch an einer Top-Adresse wie Harvard vorstellen könnte.

Mit dem Preisgeld aus der Exzellenz-Initiative könne die Qualität der Graduiertenausbildung nochmals verbessert werden, kündigt Gert-Joachim Glaeßner, Sprecher der BGSS an – in computertechnische und personelle Ausstattung wolle er investieren, vielleicht Stipendien vergeben und “mehr Spitzen-Leute aus aller Welt an die Schule holen”.

Umstrittene “Super-Uni”

An solche Seminare muss Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gedacht haben, als er seine Idee von einer neuen Super-Uni, dem künftigen “International Forum of Advanced Studies”, in die Berliner Wissenschaftswelt setzte. “Natürlich habe ich einen Zettel, wie man das im Einzelnen machen könnte”, verrät der Senator, doch wolle er “keine Vorfestlegungen, um die Beteiligten nicht zu irritieren”. Kritik hagelt es auch so. (mehr…) Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, warnt vor “abenteuerlichen Umstrukturierungen”.

Die ersten Gesprächsrunden zwischen den Berliner Universitätspräsidenten und etwa denen der Leibnizgemeinschaft sowie Max-Planck- und Fraunhofergesellschaften hat es schon gegeben. Nun soll eine Arbeitsgruppe bis zum Frühjahr abstimmungsreife Modelle zu Papier bringen.Senator Zöllner versucht indes, das Gros der Berliner Studenten mit seinem “Masterplan” zu trösten. Bis 2011 soll auch die Lehre einen Qualitätsschub bekommen. 35 Millionen Euro stehen darin für 14 Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen bereit – 20 Millionen Euro Zuschuss erhält bereits jede einzelne Sieger-Uni im bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb.

 

1 Kommentar »

  1. Das Spiegelbild unserer Gesellschaft am Beispiel Universität…

    Kommentar by Hannes — 18. Dezember 2007 @ 17:32

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