31. Januar 2008

Die Unangepaßten aussortieren

Filed under: Allgemein — Hannes @ 16:21

 Über den ideologischen Nutzen widersinniger Hirnforschung, das Ziel von Erziehungscamps und warum ADS eigentlich USS heißen müßte. Ein Gespräch mit Freerk Huisken

Interview: Birgit v. Criegern
Freerk Huisken, Jahrgang 1941, war bis 2006 Professor an der Uni Bremen mit dem Schwerpunkt Politische Ökonomie des Ausbildungssektors. Er schrieb Bücher zu Schule und Erziehung, Rechtsextremismus und Jugendgewalt. Am 15. Januar hielt er an der Freien Universität Berlin den Vortrag »Kritik der Hirnforschung«. Der Vortrag wurde auf dieser Seite am 17.Januar polemisch angefeindet, hat aber auch anderswo für Diskussionen gesorgt.

Sie ernten viel empörten Widerspruch, aber dabei fallen Ihre Argumente oft unter den Tisch. Ihre Gegner sagen, als Pädagoge könnten Sie über die Hirnforschung kein Urteil abgeben. Warum tun Sie es doch?

Wenn ich das täte, hätten die Kritiker recht. In die naturwissenschaftliche Abteilung der Hirnforschung mische ich mich nicht ein. Ich bin kein Naturwissenschaftler. Allerdings reicht es bei mir noch allemal dazu, Natur und Geist, Gehirn und Verstand zu unterscheiden. Indem Gerhard Roth, Manfred Spitzer und andere Hirn-Philosophen beziehungsweise Hirn-Psychologen diese Unterscheidung – übrigens mit einem Haufen haltloser Argumente – leugnen, urteilen sie über geistige Leistungen wie etwa das Vorstellen, Erinnern, Fühlen, logische Schließen, Erkennen, Lernen usw. Und da – gerade, was das Lernen anbelangt – traue ich mir einige Urteile zu, bis hin zur Widerlegung der zentralen Behauptung, daß jede geistige Leistung ein reiner Naturvorgang und der freie Wille des Menschen eine pure Einbildung sei.

»Das gefesselte Ich« hieß beispielhaft eine ZDF-Sendung zum Thema Hirnforschung. Wie wird überhaupt begründet, daß wir keinen freien Willen hätten?

Man schließt fälschlicherweise aus dem Umstand, daß sich geistige Prozesse als neuronale Naturereignisse messen lassen, die Natur müsse dann wohl auch die Quelle von allem Geistigen sein. Man setzt so die Naturgrundlage geistiger Prozesse mit diesen selbst gleich. Das funktionierende Gehirn soll für alles verantwortlich sein, was der Verstand zuwege bringt. Ebenso könnte man sagen, Muskeln und Sehnen seien für meine Entscheidung verantwortlich, einen Bergausflug zu unternehmen.

Was halten Sie dagegen?

Augenfällig ist zum Beispiel das folgende Paradoxon: Die Autoren könnten ihr Wissen gar nicht besitzen und vertreten, wenn es denn zutreffen würde. Sie benutzen ihren Verstand, um sich über eine Theorie zu verständigen, die im Kern behauptet, daß dies gar nicht möglich sei, weil die Geistes­produkte letztlich nur Naturprodukte seien. Das ist keine Logelei, sondern eine Widerlegung: Man muß doch wohl davon ausgehen, daß ihr Befund ihren eigenen Verstand und was er an Geisteserzeugnissen hervorbringt, mit einschließt. Wenn sie ihre Auffassungen ernsthaft vertreten, müssen sie sich von ihrer eigenen Theorie über geistige Prozesse ausnehmen. Wenn sie das aber tun, nehmen sie ihre eigene Theorie nicht ernst. Warum soll ich es dann tun?

Warum sind die Thesen von Spitzer und Roth so hoch angesehen?

Nicht, weil sie vernünftig wären. Wegen ihrer ideologischen Brauchbarkeit, und zweitens wegen eines Versprechens, auf das besonders die Lehrer abfahren. Roth stellt ihnen »hirngerechtes Lehren und Lernen« in Aussicht, das über Schulschwierigkeiten hinweghilft. Da geht es nicht mehr darum, sich auf die individuellen Lernprobleme der Schüler einzulassen, sondern einen »Aufruhr im limbischen System zu erzeugen,« wie Roth sagt. Die Lehre soll sich ans physiologische Gehirn wenden – wie auch immer diese Absage an Verstandestätigkeit gedacht sein mag.

Zum ersten Punkt: Es ist ebenso verbreitet wie praktisch, Menschen, die in dieser Gesellschaft aus der Rolle oder auffallen, mit dem Hinweis auf ihre Biologie auszusortieren. Bei der Biologisierung oder Naturalisierung gesellschaftlicher Vorgänge nebst ihren Resultaten wird die Natur des Menschen für all die Handlungen verantwortlich gemacht, mit denen sich Menschen im Kapitalismus mit Willen und Bewußtsein mehr oder weniger vernünftig durchzuwurschteln versuchen – für schlechte Noten, für schlechtes Benehmen, für kriminelle Delikte, aber auch für »ungehöriges« politisches Denken und Handeln. Dann sind Menschen eben »verrückt« oder »ticken nicht ganz sauber«, sind einfach »unbegabt« oder gleich »krank«.

Gesundheit wäre dann Unterwerfung?

Ja. Und der Übergang von diesem Befund zu entsprechender medizinischer, psychiatrischer oder polizeilicher Praxis wird durchaus fließend gedacht. Diese Theoretiker setzen voraus, daß »abweichendes Verhalten« nicht durch Überzeugung oder Lernen korrigierbar ist – es ist eben Natur! Was in Bezug auf die Hirnphilosophie die aparte Debatte ausgelöst hat, wie es denn mit der Schuldfähigkeit des Menschen stünde, wenn dieser kein willentlich handelndes Ich besitzt. Und wie man das »Gehirn bestrafen« kann, wenn der Verstand keiner Reue zugänglich ist. Da macht sich so mancher Hirnforscher gleich ideell als Hirnchirurg ans Werk.

Was heißt das für die Schule? Wie würde Roth denn einem Schüler begegnen, der Jacken »abzieht«, keine Hausaufgaben macht und den Unterricht stört?

Der ist für ihn krank, leidet unter ADS oder ADHS – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom – und kriegt Beruhigungspillen wie Ritalin. Damit wird zwar sein Aufmerksamkeitsdefizit nicht behoben – wie auch –, aber er stört nicht mehr, wenn die Dosis richtig gewählt ist. Und darauf kam es ja auch nur an. Es müßte also eigentlich USS heißen: »Unterrichtsstörungssyndrom«. Wo Aufmerksamkeitsdefizite bei Schülern herrühren, ist beim herrschenden Schulsystem nun wirklich kein Wunder, aber das ist ein anderes Thema.

In »Die Unregierbarkeit des Schulvolks« schreiben Sie, jugendliche Schläger seien u.a. eine Folge des gesellschaftlichen Anerkennungswahns und der schulischen Konkurrenz. Wie bewerten Sie Roland Kochs verunglückten Vorstoß zur Kriminalisierung von jugendlichen Migranten?

Die Frage liegt nahe. Wie bei dem Hirnthema gibt es in diesen Diskussionen immer wieder diese biologisch-rassistischen Übergänge, denen zufolge Ausländer eben »so sind«, »ein anderer Menschenschlag« mit »anderen Veranlagungen«, die »zu uns« nicht passen etcetera. Auch hier geht es darum, die Gesellschaft von den Unangepaßten zu säubern. Allerdings setzen Koch & Co. in ihren Vorschlägen immer noch auf die Willensfreiheit der jugendlichen Rohlinge. Denen wollen sie ein Angebot der besonders perfiden Art machen: Entweder ihr unterwerft euch freiwillig den Lebensumständen, die wir für euch vorgesehen haben, oder wir brechen euren Willen, indem wir euch wegsperren oder abschieben. Eine Unterwerfungshilfe ist gerade im Gespräch. »Erziehungs«-Camps, in denen den Jugendlichen die Härte im Aushalten von Frust, Schmerz, Ohnmacht, Demütigungen und Hunger beigebracht wird.

http://www.jungewelt.de/2008/01-31/005.php

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