»Krasses Gegenteil von unseren Hochschulen«
Anders als in der Bundesrepublik steht die Bolivarische Universität in der Hauptstadt Venezuelas auch den ärmeren Schichten offen. Ein Gespräch mit Nele Hirsch
Interview: Peter WolterNele Hirsch ist bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Sie hat in dieser Woche gemeinsam mit einer Delegation des Linkspartei-Studentenverbandes SDS Venezuela besucht
Sie haben in den letzten Tagen in Venezuela politische Gespräche geführt. Ist der revolutionäre Prozeß dort ein wenig ins Stocken geraten? Schließlich ist Staatspräsident Hugo Chavez vor einigen Wochen mit seinem Referendum für eine sozialistische Verfassungsreform gescheitert.
Ich hatte eher den Eindruck, daß die Anhänger von Chavez sich jetzt noch mehr anstrengen, die Menschen davon zu überzeugen, daß grundlegende Entscheidungen nötig sind, um die Revolution fortzuführen.
Aber ist nicht der Widerstand gegen Chavez und seine Reformen größer geworden?
Natürlich versuchen die Gegner der Revolution, sich zu sammeln –wobei man immer fragen muß, wie viele Menschen denn wirklich zur Opposition gehören. Nach den vielen Gesprächen, die ich geführt habe, bin ich mir ziemlich sicher, daß die ganz große Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor hinter dem Präsidenten steht – auch wenn es die eine odere andere berechtigte Kritik geben sollte.
Und wie beurteilen führende Politiker des Landes die Lage?
Die sind sehr zuversichtlich. Mir wurde immer wieder versichert, daß der Aufbau sozialistischer Strukturen ohne Verzögerung weitergeht. Selbstverständlich machen sie sich auch Sorgen über die massiven Angriffe der Opposition und diskutieren darüber, wie man am wirksamsten darauf reagieren sollte. Darüber hinaus haben meine Gesprächspartner immer wieder darauf verwiesen, wie wichtig die Entwicklung in Lateinamerika insgesamt für Venezuela ist und wie das Wirtschaftsbündnis ALBA weiter ausgebaut werden kann. Und schließlich wurde mehrfach betont, wie wichtig es für den revolutionären Prozeß ist, auch mit der Linken in Deutschland zusammenzuarbeiten.
In bürgerlichen Blättern wird immer wieder von wachsender Unzufriedenheit der Bevölkerung berichtet. Gibt es dafür Anzeichen?
In dieser Hinsicht habe ich nichts Besonderes beobachtet. Klar, wenn man durch die Hauptstadt Caracas fährt, sieht man viele Graffiti sowohl für als auch gegen Chavez. Am Donnerstag abend habe ich noch an einer Demonstration teilgenommen, dabei wurden wir aus den Wohnblocks von Chavez-Gegnern mit Eiern beworfen. Die venezolanischen Genossen lachten darüber nur und sagten: Seht Ihr, daß ist das beste Argument dafür, daß die Behauptung der Opposition gelogen ist, es gebe keine Eier mehr in den Läden.
Vergangenen Sommer habe ich Kuba besucht, im Vergleich dazu habe ich in Venezuela sehr viel mehr Energie und Bewegung gespürt. Das liegt wohl auch daran, daß viele Venezolaner wissen, daß die alten Strukturen nur überwunden werden können, wenn alle mitkämpfen. Kuba hat diese Phase lange hinter sich, dort gibt es heute andere Probleme.
Sie waren auch in der Bolivarischen Universität in Caracas. Welche Unterschiede zu unserem Bildungssystem haben Sie registriert?
Der Besuch an der Uni hat mich absolut begeistert! Das, was dort geschieht, ist das krasse Gegenteil von dem, was in Deutschland abläuft. Bei uns wird der Zugang zur Hochschule eingeschränkt – dort ausgeweitet. In Venezuela gibt es jetzt das ganz klare Recht auf Bildung, und zwar unabhängig vom Alter, vom Geschlecht oder von den Einkommen. Dadurch hat vor allem die arme Bevölkerung die Möglichkeit zum Studium. Unterschiede gibt es auch bei den Studieninhalten: Bei uns lernt man zunehmend nur noch das, was sich kapitalistisch verwerten läßt – in Venezuela wird Wissenschaft jedoch in ihrer Verantwortung für die gesamte Gesellschaft gesehen.
Die meisten Studierenden, die ich kennengelernt habe, gehen sehr dynamisch und voller Begeisterung an ihr Studium heran, sie wollen das Gelernte auch möglichst schnell zum Nutzen der Gesellschaft anwenden.
Quelle: http://www.jungewelt.de/2008/03-01/042.php

